Großprojekte in der rechtsrheinischen Bergregion von Bonn und Königswinter

Von Undine Buettner und Susanne Gura


Die Attraktivität der Bonner Region wird durch zwei große Neubaugebiete mitten durch eines der wenigen verbliebenen Naherholungsgebiete infrage gestellt. Ist der Wohnraumbedarf wirklich so groß, dass das Pleiser Ländchen geopfert werden muss?

Kommt man von Bonn-Beuel durch den Ennert Richtung Siebengebirge, so eröffnet sich auf der Höhe von Niederholtorf-Ungarten eine sehr reizvolle Landschaft mit großartigen Ausblicken rundum bis nach Köln und in den Westerwald, das „Pleiser Ländchen“. Wald und Felder wechseln sich ab, man atmet reinere Luft als im Bonner Becken, und man tritt sich nicht auf die Füße wie an den Rheinpromenaden. Spaziergänger, Wanderer, Radler und Reiter wissen dies genauso zu schätzen wie die Einwohner von Gielgen, Hoholz, Holtorf, Roleber, Ungarten und Vinxel. Auch einige landwirtschaftliche Betriebe sind hier noch zu Hause und betreiben überwiegend Ackerbau. Kurzum: hier oben liegt ein wertvoller stadtnaher Lebensraum und ein Erholungsgebiet, in dem man noch Feldlerchen, Fledermäuse und andere Wildtiere erleben kann.

 

Bonn und Königswinter wollen Großbaugebiete im Pleiser Ländchen

Doch es droht Gefahr. Der Wegzug der Landwirtschaftskammer aus Roleber brachte die klamme Stadt Bonn auf die Idee, deren ehemalige Felder zu versilbern. Während der Bürgerverein mit der Umnutzung des architektonisch reizvollen Kammergebäudes samt Park als Seniorenwohnanlage einverstanden ist, nimmt sich die Stadt auf über 7 Hektar Landschaftsschutzgebiet ein Neubaugebiet mit fast 500 Einfamilienhäusern zum Ziel. In Vinxel will die Stadt Königswinter sogar auf ca. 12 Hektar Ackerfläche im Landschaftsschutzgebiet v.a. Einfamilienhäuser bauen; die Bevölkerung könnte durch das Neubaugebiet auf einen Schlag verdoppelt werden. Nach übereinstimmender Meinung des dortigen Bürgervereins und der zu diesem Thema gegründeten Bürgerinitiative (www.bi-vinxel.de) muss aber der dörfliche Charakter von Vinxel unbedingt erhalten bleiben. Auf eine maßvolle Bebauung innerhalb der Dorfgrenze könnte man sich grundsätzlich einlassen. Keinesfalls sollte das permanente Zubauen des Bergbereiches wie in Königswinter schon länger im Gange weitergehen.
Eine so starke Veränderung der Landschaft würde nicht ohne schwere ökologische Einbußen vonstattengehen. Auch würde der Verkehr auf den ohnehin stark befahrenen Straßen samt Lärm- und Abgasbelastung erheblich ansteigen.

 

Objektiv den Wohnraumbedarf prognostizieren

Begründet werden die Planungen mit dem großen Wohnraumbedarf in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis. Dass es zu wenige günstige Wohnungen gibt, ist unbestritten. Doch der Wohnraumbedarf in der Region wird von den Verwaltungen weit übertrieben und muss erst einmal objektiv ermittelt werden. Es gibt eine Reihe von Studien mit weit abweichenden Ergebnissen. Die Stadt Bonn beruft sich ausgerechnet auf die Studien mit den höchsten Bevölkerungsprognosen von über 10% Wachstum bis 2030, das würde bis zu 35.000 zusätzliche Einwohner bedeuten. Wohnbauten sind auch als Investitionsobjekte stark gefragt – Investoren verbreiten daher extrem hohe Bedarfsschätzungen. Andere rechnen mit erheblich weniger Neubürgern. Aus amtlichen Prognosen des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung ergeben sich weniger als 1000 neue Bonner pro Jahr.
Geht es um die Gewinn bringenden Einfamilienhäuser, wie von den Planern derzeit vorwiegend vorgesehen, oder wird nicht vielmehr bezahlbarer Wohnraum (also auch Geschosswohnungsbau) gebraucht? Dass billige Wohnungen frei werden, wenn man teure Einfamilienhäuser baut, ist Wunschdenken. Das „Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen“ gibt nützliche Empfehlungen für Kommunen, nachzulesen auf unserer Webseite.
Gute ÖPNV-Anschlüsse, vor allem per Schiene, sind bei der Schaffung von neuem Wohnraum eine wichtige Voraussetzung. Im Pleiser Ländchen besteht keinerlei Planung für gute neue ÖPNV-Anschlüsse. Dort droht derzeit eine neue vierspurige Schnellstraße, die Südtangente. Dass der Druck auf die bestehenden Straßen steigt, würde den Befürwortern der Südtangente dann vermeintliche Argumente für das Bauen dieses unsäglichen Projektes geben. Frei nach dem Motto: „da eh schon alles zugebaut ist, dann jetzt noch die Autobahn mittendurch.“
Ein derart massiver Eingriff in ein noch relativ harmonisches Gefüge zwischen Mensch, Natur und Umwelt kann jedoch nur viele Fragen und Zweifel hervorrufen. Davon sind nicht nur die Anwohner berührt.

 

Kein Wohnraum ohne Freiraum

Der Masterplan Grün des Landes NRW beschreibt das Pleiser Ländchen als wertvolle Kulturlandschaft. Das Gebiet gehört zum „Naturpark Siebengebirge“ und zur „Chance 7“ Natur- und Kulturlandschaft und wird in Teilen auch von der EU-FFH-Richtlinie erfasst. Diese Natur- und Landschaftsschutzgebiete sind im „Integrierten Freiraumsystem“ (IFS) der Stadt Bonn als notwendig für Klima, Gesundheit und Natur ausgewiesen: „Im IFS werden die Freiflächen benannt, die für die heutige Lebensqualität unverzichtbar sind.“ Das ISF fordert dazu auf, Restriktionen zu treffen, „um die wertvollen Freiräume auch den künftigen Generationen als ökologisches und stadtgestalterisches Vermögen weiter zu vererben.“ Da das IFS rechtlich schwer durchsetzbar ist, kann es nur politisch durchgesetzt werden!
Die Freiraumflächen sind nicht einfach ein Reservoir für Neubaugebiete. Kommunalpolitiker müssen erkennen, dass der für eine lebenswerte Bonner Region notwendige Lebensraum im rechtsrheinischen Bonn und in Königswinter sich nicht nur auf die sieben Berge des Siebengebirges bezieht, sondern auch das Pleiser Ländchen, Ennert und andere Gebiete mit wertvoller Natur und Umwelt umfasst. „Freiraum“ ist ein sperriger Begriff für den nicht hoch genug einzuschätzenden Wert an sich, dessen weitest mögliche Bewahrung allen Bürgern der Region zu Gute kommt.
Der Verein Lebenswerte Region Bonn-Siebengebirge wird seine Forderungen in die weitere Diskussion der Planungsvorhaben einbringen.

Mehr Informationen hier: http://www.bi-vinxel.de

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